Buenos Dias Bolivien, hier kommen die Luis! Die Fahrt mit dem Nachtbus von Cusco nach La Paz, die insgesamt 14 Stunden planmäßig dauern sollte, war deutlich komfortabler als erwartet. Eine waagrechte Schlafposition konnten wir zwar nicht einnehmen, aber die Sitze ließen sich dennoch weit zurücklehnen, weshalb wir morgens weitestgehend erholt die vorerst letzte peruanische Luft bei einem Zwischenhalt am Titicaca-See kurz vor der Grenze inhalieren konnten. Der Grenzübergang kurz darauf nahm einiges an Zeit in Anspruch, was uns ein bisschen nervte. Um 15:00 Uhr wäre nämlich Anstoss im Estadio Municipal de El Alto, wo der Club Academica del Balompié Boliviano und der bolivianische Rekordsieger Club Bolivar aufeinandertreffen sollten. Es wäre generell schon ein enges Höschen geworden, weshalb der Sportliche nun also seine Verhandlungskünste spielen lies und die Busfahrer bat, uns auf dem Weg schon in El Alto rauszulassen. "No no no, it's not possible". Als ein großzügiges Trinkgeld von 30 peruanischen Sol (7,50€) in den Raum geworfen wurde, war es plötzlich kein Problem mehr, uns den früheren Ausstieg zu gewähren. So einfach kann es eben gehen. Schon die letzten Meter vor unserer privaten Endstation am Straßenrand bot sich uns ein sehr wuseliges Bild, wenn wir aus dem Fenster blickten. Marode Häuser, nicht vorhandene Straßen, viel Müll, viele Streuner und Verkehrsregeln scheinen hier eher optional zu sein. Als wir letztlich draußen waren und eine knappe halbe Stunde Fußmarsch zum Stadion antraten, konnten wir auch noch allerlei stechende Gerüchen passend dazu vernehmen. Ein spannender erster Eindruck von Bolivien, aber gut, wir hatten schon im Vorfeld gelesen, dass El Alto eine sehr arme Stadt sein soll.
Am Stadion angekommen, organisierten wir uns noch fix die Karten bei einer in die Jahre gekommenen Straßenverkäuferin und stärkten uns nochmal alle mit Speis & Trank. Der Südbrandenburger konnte sich zudem als Erinnerung seinen obligatorischen Schal besorgen - Allerdings nicht wie üblich vom Heimverein, sondern von den Gästen. ABB ist ein eher kleinerer Verein, der erst seit 2024 in der ersten Liga mit kickt, wodurch sich die Zahl der Anhängerschaft noch sehr begrenzt hält. Alles dreht sich heute um Bolivar, ihre Barra zählt zu einer der größten des Landes und von den geschätzten 2000 Zuschauern waren die allermeisten blau & weiß gekleidet. Unsere Rucksäcke konnten wir nach einer kleinen Kontrolle alle mit rein nehmen, nur die Getränke mussten am Eingang bleiben. Was ich ebenfalls sehr interessant fand, auf den Tafeln mit verbotenen Gegenständen war auch eine durchgestrichene Klopapierrolle abgebildet. Wie machen die Einheimischen es, wenn die Notdurft einsetzt? Es gibt so gut wie nirgends Toilettenpapier, weder im Stadion, noch in unserem Bus zuvor. Lassen die es einfach antrocknen? Naja, muss man nicht verstehen. Ebenso wie Toilettenpapier waren im gesamten Stadion keine Sitzschalen vorhanden. Einen regelrechten Überfluss gab es dafür an Verkäufern, die mit ihren Bauchläden durch die Reihen zogen, um einem sämtliches Zeug anzubieten: Essen, Getränke oder kitschige Plastik-Fanartikel. Ein paar Hunde verirrten sich ebenfalls auf die Ränge, auch Vierbeiner scheinen sich hierzulande für Fußball zu begeistern. Der Anpfiff rückte näher und unsere Blicke richteten sich auf die Barra der Gastmannschaft. Neben zahlreichen im Block ausgebreiteten Bändern & Zaunfahnen, kam auch eine Art Blockfahne zum Einsatz, die einen Bolivar-Supporter, der gerade seinen Fanschal hebt, darstellen soll. Die Gesänge mit musikalischer Begleitung in Form von jeder Menge Instrumente wie Trommeln oder Trompeten, zauberte uns ein Lächeln ins Gesicht. Diese südamerikanische Art des Supports, ist wie ein 90-minütiges Konzert im Stadion. Dazu ein paar Atzen im Block, die völlig frei drehen und hüpfen, als gäbe es kein Morgen mehr. Einfach ein faszinierendes Bild, auch wenn der Haufen natürlich nicht so groß wie manch andere Barras aus gewissen Nachbarländern ist. Der Anteil an Frauen, die im Stimmungskern präsent waren und auch ordentlich mitgezogen haben, ist noch erwähnenswert. Die erste Halbzeit über schimmelten wir ein wenig auf der Tribüne vor uns hin und ließen uns von der Sonne bruzzeln, einen Treffer für Bolivar durften wir ebenfalls schon sehen. Zur zweiten Halbzeit setzten wir uns vereinzelt in Bewegung, um ein paar andere Perspektiven im großen Rund aufzugreifen. In vereinfachter Hoppersprache: Die Stadionrunde wurde vollzogen. Dabei hat uns besonders das Panorama über El Alto, welches uns an einem Ende unserer Tribüne geboten wurde, gefallen. Ebenfalls über das Stadiondach hinaus zu sehen war der Huyana Potosi, ein über 6000 Meter hoher Berg, welchen der Sportilche am Montag erklimmen will. Seid gespannt, man munkelt, es folgt dazu mit einem weiteren Spiel ein Bericht. Wir befanden uns aber auch schon auf über 4150 Metern Höhe, beim Stufen steigen haben wir die dünne Luft auch durchaus gemerkt und mussten mehr schnaufen als üblich. Um eine weitere Floskel einzubringen: Wir haben gepumpt wie Maikäfer. Im Verlauf der zweiten Hälfte beobachteten wir dann, wie sich die Einheimischen plötzlich schlagartig auf den Stufen weiter nach oben bewegten. Es zog eine größere dunkle Wolkenfront über das Stadion und die Leute wollten alle unter das Dach. Zum Glück waren wir mit unseren Rucksäcken auch von Anfang an dort oben, das Gewitter war nicht ohne. Starker Regen, der in Schneeregen überging, Blitz und Donner, eben alles, was Mutter Natur so zu bieten hat. Der Barra machte es nichts aus, sie zogen ihr Ding weiter durch. Was etwas eklig war, die Temperatur ging von gefühlten 20 Grad auf gefühlte Minusgrade runter und wir mussten ordentlich bibbern. Zum Glück war das Spiel fast zu Ende, einen weiteren Treffer bekamen wir allerdings kurz vor Schluss noch zu Gesicht und damit wäre der Endstand von 0:2 besiegelt. Fußballerisch war es keine Glanzleistung von beiden Seiten, aber wer verfolgt schon das Geschehen auf dem Rasen, wenn man ein fesselndes Privatkonzert auf der Hintertortribüne begutachten kann?
Abpfiff und raus, wir wollten nur noch in die Unterkunft und raus aus El Alto. Dass wir fast eine Stunde brauchten, bis wir ein geeignetes Transportmittel fanden, hätten wir allerdings nicht erwartet. Uber kannste knicken, da fährt so gut wie gar keiner in der näheren Umgebung rum. Es gibt noch die App "InDrive", die quasi eine lokale und preiswertere Version vom Uber ist, aber auch hier hatten wir keinen Erfolg. Wir waren nicht die einzigen Stadionbesucher, die nasse Füße hatten und auf der Suche nach einem Gefährt waren, wenn also mal ein leeres Taxi die Straße passierte, stürzten sich die Leute wie Berserker auf die Fahrer und wir hatten lange nichts bekommen. Irgendwann hielt eine eher schmächtige Karre an und der Sportliche hat uns alle hergewunken. Da sollen noch 7 Mann reinpassen? Nun gut, es gab zumindest 8 Sitze und wir sind ja alles schlanke Kerle, das passt schon irgendwie. Eingepfercht wie Sardellen in der Büchse ging es also los. Es daurte keine 5 Minuten bis der Kulturbeauftragte einen rausgehauen hat. "40 Minuten noch? Das schaff ich nicht, ich muss pinkeln" waren seine Worte. Wir standen gerade eine Stunde an einer mehr oder weniger befestigten Straße mit reichlichen ruhigen Ecken, wo man seinen Nierennektar hätte entleeren können, und erst als wir im Auto saßen und schon losgefahren sind kommt der Gedanke? Puh, das ist mal ein starker Tobak. Nach ein paar Versuchen, unserem Taxifahrer weis zu machen, er solle kurz anhalten, um den Bedürfnissen des Kulturbeauftragten nachzukommen, verstand er uns und die Dringlichkeit, ein Lachen konnte er sich dabei aber auch nicht verkneifen, Gringos eben... Nach dem Ritt durch die steilen Straßen der Gegend, für die wir pro Person ca. 2€ blechten, erreichten wir unsere Unterkunft im Herzen von La Paz und konnten uns endlich frisch machen.
(Der Jungspund)






