18.12.2007 Al-Itihad Al-Sakandary – Ghazi Al-Mahala

18.12.2007, 17:30 Uhr
Al-Itihad Al-Sakandary – Ghazi Al-Mahala
Alexandria, Alexandria Stadium
1. Liga – 8.000 Zs. – 1:2

Heute also das erste mal für scooby und mich Zugfahren in Ägypten. Der fuxx hatte ja schon letztes Jahr diese Vergnügen. Und ich muss sagen, das ist mal ein Komfort in den Zügen. Es gibt insgesamt 4 Klassen. 1. Klasse mit AC. 2. Klasse mit AC. 2. Klasse ohne AC und die 3. Klasse, sprich Holzbänke. Wir begnügenden uns heute mit 2. Klasse ohne AC, da hier ja Winter war und die Temperaturen nur bei max. 21°C lagen. Trotzdem rannten viele Ägypter mit Daunenjacken und Co. Rum. Für 27 Pfund konnten wir dann in einem 2. Klasse Zug fahren, den ich gern mal auf deutschen Schienen sehen würde. Man hat mehr Beinfreiheit als im ICE (ungefähr doppelt so viel) und die Sitzbänke lassen sich drehen. Man muss also nie entgegengesetzt der Fahrtrichtung fahren. Coole Sache. Der fuxx verglich dann den Fahrpreis so: „Geh mal in Dresden an den Fahrkartenschalter, verlang ein Ticket nach Saarbrücken und leg 7€ auf den Tisch und sag es stimmt so. Da fragen die dich sicherlich, ob du nur eine Sitzplatzreservierung willst.“ Mann muss sich mal vorstellen. 3,40 Euro für 200 Kilometer. Und das ist schon teuer, weil es der Expresszug ist. Alle anderen sind noch billiger. Billig für uns zumindest. Für den Durchschnittsägypter ist es schon das Gegenteil. Die Landschaft entlang der Zugstrecke sah wie folgt aus. Kairo: Slums, halbfertige Häuser (teilweise nur in irgend einem Mittelgeschoss Wände reingezogen, Dächer fehlen meist komplett); Industrie und Müll. Dann grüne Wiesen und Felder. Kanäle, Eselfuhrwerke, Bauern die mit der Sichel auf dem Feld arbeiten und Palmen. Dann wieder Städte, die irgendwie immer gleich aussehen und wieder grüne Landschaften. Dann die ersten Bezirke von Alexandria. Sahen genauso aus wie in Kairo.

Ankunft in Alex, raus aus dem Bahnhof und ab auf den Markt, von dem die Straßenbahn nach El Max fährt, wo der fuxx uns noch was zeigen wollte. Der Marktplatz eine Wucht. Nicht an Vielfalt und Einzigartigkeit, sondern an Dreck und Gestank. Frisches Obst und Fleisch wird direkt neben Müll bergen verkauft. Überall laute Musik und massig Verkaufsstände. Und mittendrin fahren Straßenbahnen.

Dann die Nr. 19 nach El Max geentert und für 25 Piaster (ca. 3 Cent) eine halbe Stunde aus Alex rausgefahren. Was man hier zu sehen bekam, schlug die ersten Eindrücke von Kairo bei weiten. Noch abgefuckter, noch dreckiger und noch verrückter. So wie die hier leben, kann man auch nur, wenn man nicht weis, dass es auch anders geht. Alex hat auch einen viel intensiveren Geruch nach Müll und Verwesung. Mitten in einem Industriegebiet dann die Endhaltestelle neben dem El Heddod Stadion, welches uns der fuxx zeigen wollte. Aber die Straßenbahnfahrt war da mehr wert. Kurz am Zauntor angeklopft, kam ein Soldat mit ein wenig Englischkenntnis. Kurz erklärt, dass wir das Stadion besichtigen möchten, stimmt er zu, muss aber noch seinen Oberchef fragen. Dieser sagt natürlich nein. Schade. Dann wieder runter vom Stadiongelände und wieder ein sehr krasser Eindruck. 3 Jungs, die mit uns in der Straßenbahn gefahren sind, spielen hier auf dem einzigen Stück (ca. 10 qm) grüne/braune Wiese Fußball. Inmitten von Industriegebieten und dunkelbraunen bis grauen Häusern. Wie hart. Fuxx sagte es ganz treffend: „Das ist ein Ort, wo uns Mubarak nicht haben möchte.“
Von der Straßenbahnhaltestelle sieht man dann die große Abul-Abbas-el-Mursi-Moschee von Alex und auch das Fort Qaitbey, welches an dem Punkt steht, wo einst der Leuchtturm Pharos von Alexandria gestanden hat (280 v. Chr. bis in das 14. Jh. 2 Erdbeben machten ihm dem Gar aus). Mit der Straßenbahn dann wieder zurück zum Marktplatz und noch einmal diese andere Welt in vollen Zügen aufgesaugt. Da kann man sich gar nicht vorstellen, das in Deutschland immer von Armutsgrenze geredet wird, wenn man das hier sieht. Da hat ja noch der Sozialhilfeempfänger mehr als die Menschen hier. Auch ist es bei uns nicht ein Kampf ums überleben. Suppenküchen gibt es ja schließlich genug, so dass man jeden Tag warm Essen kann. Vom Marktplatz dann zum Osthafen gelaufen, wo früher das historische Alex war. Ca. 30 vor Christus lebten hier schon 500.000 Menschen und Alex war der große Konkurrent von Rom. Als Napoleon dann hier achtzehnhundert und noch was einmarschierte, lebten hier nur noch 15.000.

Durrell nannte Alexandria eine Stadt ohne Charakter, doch mit starker Atmosphäre. Diese Atmosphäre an der Schnittstelle von Europa und Afrika, von Mittelmeer und Wüste ist die Stärke der Stadt, von deren glorreicher Vergangenheit nur bescheidene Sehenswürdigkeiten geblieben sind. Vieles ist physisch nicht mehr greifbar und bleibt unsere Vorstellungskraft und Spekulation überlassen, anderes verfällt mit erschreckender Eile. Umso mehr hat die Bühne der levantischen Belle Epoque, von Alexander dem Großen, von Cäsar, Antonius und Kleopatra europäische wie einheimische Schriftsteller inspiriert. Ein fiktives, in chronischer Schwermut um vergange Größe schwelgendes Alexandria, eine mythische Landschaft, die im Rückblick von der realen Vergangenheit nicht mehr zu trennen ist. – eine Stadt, die zu genießen es auch eines gehörigen Sinn für Nostalgie und Melancholie bedarf.“ *Zitat „Ägypten“ aus Ralhp-Raymond Braun (Reiseführer)

Wer nun bei Alex an Historie denkt, alte Denkmäler, Häuser, gar ganze Stadtteile, wird schwer enttäuscht. Von der Geschichte ist nur noch die Erinnerung übrig. Nichts erinnert an den einstigen Glanz dieser Stadt. Trotzdem gilt diese Stadt mit als eine Perle des Mittelmeerraumes. In der Reisekatalogwelt vielleicht, wo Hotels angepriesen werden, die in irgend einem Touristenressort stehen, aber nicht mitten in der Stadt. Zwar wurde die Bibliothek wieder aufgebaut (sogar in einem architektonisch interessanten Stil) und 2002 eröffnet, doch heraus reißen tut sie es auch nicht. Als wir bei der Bibo nach unserem Stadtrundgang aufkreuzten und Eintritt begehrten, hieß es nur: „Sorry. It is closed. It`s a special guest here for 4 days. So it is all closed. Sorry.” Gott verdammt. Ist man einmal hier und darf nicht rein. Also 2-3 Fotos mit „Alex dem Großen“ geschossen und dann weiter gelaufen gen Stadion. Und schon wieder ein krasser Eindruck. Mitten auf der Straße liegt ein Mann vor einer Mülltonne und isst aus dieser. Zu hart. Aber da das an Gegensätzen mal wieder nicht reicht, wir sind ja schließlich in Ägypten, passierten wir erst einen Park, in den unzählige Katzen rum rannten, der sehr gepflegt war und in dem sogar noch ein alter Wachturm von anno domini stand. Im Anschluss daran dann das Botschaftsviertel. Gepflegt, grün und Häuser im europäischen Stil. Und dahinter dann das Alexandria Stadium. Als wir dann die Straße so entlang gingen kamen auf einmal laut schreiend und wild gestikulierend zwei Jugendliche auf uns zu gerannt. Erst wusste man nicht so recht was los war, doch dann erkannten wir sie. Es waren die zwei Jungs, welche uns bei Tersana und bei Arab Constructors gesehen hatten. Weis der Teufel wie die hier her gekommen sind. Kurz begrüßt, dann die Karten gekauft und das Stadion betreten. Die Haupttribüne machte ja schon von außen viel her. Schöne Fassade im Häuserstil. Von innen war es auch nicht schlechter. Die HT bestand aus drei verschiedenen Teilen. In einer Kurve stand eine Art Triumphbogen, am Ende der anderen Kurve ein Turm der alten Stadtmauer von Alex aus der islamischen Zeit. Neben der HT gab es dann noch die erwähnten Kurven und eine Gegengerade, auf der sich der größte Teil der Alex-Supps sammelte und viele Fahnen hisste. Als wir am Rande der HT Platz nahmen, will ein Einheimischer sofort sein Essen mit uns teilen. Im Reiseführer stand, dass das für Ägypter völlig normal ist. Aber wir lehnten es ab. Als er dann aber doch keine Ruhe gab, nahm ich halt eine Orange von ihm und ließ sie mir schmecken. Im Gegenzug lehnte er aber die von mir offerierten Kürbisskerne ab.

Das durchschnittliche Spiel gewann der Gast verdient. Die Alex-Fans hatten eine Supportart, dir mir arg gefiel. Alle setzten sich hin, bewegenden sich dann wie beim rudern und sangen dazu ein Lied. Dagegen sprinteten die Gästefans bei jeden Tor mehrmals quer durch den Block. Über der Anzeigetafel stand noch so eine Art lebendiges Maskottchen. Irgend ein Kunde, mit langen Mantel, der die ganze Zeit irgend etwas rauchendes schwenkte. Die abermals massiv präsente Polizei konnte es nach dem Schlusspfiff auch nicht verhindern, dass der Trainer mit Flaschen beworfen wurde. Als wir dann das Stadion verließen, klagte uns der ein oder andere Alex-Fans sein leid: „Football in Alex is bad.“

Im übrigen kann man den Tee, der hier gebraut wird, wärmsten empfehlen. Noch nie hab ich so leckeren schwarzen Tee getrunken. Zurück am Bahnhof (Stadion ist nur 10 Minuten entfernt) wurden dann zielsicher Tickets für den Zug gelöst, der überall anhält und somit 4 Stunden benötigt. Der Expresszug benötigt nur 120 Minuten.

Wenn man Ägypten so bei Nacht aus einem Zugfenster sieht, wirkt alles gar nicht so, wie es eigentlich ist. Alles so harmlos, friedlich und still. Fast schon heimisch.

Nach der Ankunft am Ramsis gegen 0 Uhr 30 ging es noch mal durch sehr dunkel Gassen zum Busbahnhof um für den nächsten Tag die Bustickets nach Suez zu lösen. Doch wurden die erst am nächsten Tag verkauft. Somit ohne Tickets ab ins Bett.


Ahoj, du hast das Wort.

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