Weihnachten, das Fest der Liebe. Typische Traditionen wie ein Festmahl an Heiligabend oder Zeit mit der Familie zu verbringen in Form von Ausflügen oder Spieleabenden stehen Ende Dezember also bei den meisten auf dem Programm. Auch ich habe die Zeit erst einmal daheim verbracht, jedoch habe ich zum zweiten Weihnachtsfeiertag den "Spieleabend" etwas anders gestaltet und bin dafür kurzerhand nach Brüssel geflogen, um den ein oder anderen Kick in der Jupiler Pro League zu verfolgen. So trat ich Freitag morgen vorerst alleine den Weg vom Münchner Flughafen aus an, um meine Maschine in unser Nachbarland zu erwischen. Ich hätte auch hin und zurück für 50€ weniger mit dem Zug fahren können, aber jeweils eine knapp 10-stündige Zugfahrt mit Umstiegen & unchristlichen Abfahrtszeiten war für mich keine Option. Der stille Teilhaber rollte hingegen von Dresden aus in einem Nachtzug mit Schlafabteilen und ohne Umstieg in die belgische Hauptstadt, wo wir uns schließlich treffen sollten.
Nachdem die Abholung unseres Mietwagens nach knapp einer Stunde, bedingt durch eine ewige Wartezeit am Schalter, endlich erledigt war, konnte ich in Richtung Zentrum düsen, um meine Reisebegleitung einzusammeln. Wir trafen uns etwas außerhalb am Expo Gelände, wo ich direkt ein kleines Highlight zu Gesicht bekommen sollte. Hier befindet sich nämlich das Atomium, ein 102 Meter hohes Atom mit 9 "Kugeln", die miteinander verbunden sind. 1958 wurde dieses Koloss passend zur Expo errichtet und dient heute noch als Museum, Aussichtsplattform & Touristenmagnet. Noch kurz eine kleine Stärkung in Form einer belgischen Waffel verputzt, schließlich waren noch ein paar Tage Zeit bis zum jährlichen erfolglosen Neujahresvorsatz, und schon ging es weiter in Richtung Westen des Landes.
Brügge war unser erstes richtiges Ziel, da dort um 16 Uhr das erste Spiel dieser Weihnachtstour stattfinden sollte. Nachdem noch ein wenig Zeit war, parkten wir im Zentrum ab und machten einen kleinen Rundgang durch die Innenstadt. Die ersten Eindrücke waren berauschend, zahlreiche Häuser und Kirchen im mittelalterlichen Baustil bekamen wir zu Gesicht. Hinzu kam am Grote Markt, der quasi den Hauptplatz des Stadtkerns darstellt, noch der gut besuchte Weihnachtsmarkt. Das Flair der Stadt war auf jeden Fall schnuckelig, allerdings herrschte auf den Straßen ein irrsinniges Gedränge. Klar, der zweite Weihnachtsfeiertag lädt eben dazu ein, einen Ausflug mit der Familie in die Stadt zu unternehmen. Gefühlt hatte aber halb Belgien beschlossen, genau heute in Brügge im Weg herumzustehen. Erwähnenswert ist auch der Fluss Reie, der die Stadt zum einen umgibt, zum anderen aber auch in Form zahlreicher kleiner Kanäle durch das Zentrum fließt und damit das Stadtbild entscheidend prägt.
Nun sollte es aber in Richtung Stadion gehen, auf dem Weg dorthin erspähten wir allerdings noch eine Frituur, um unseren Hunger abermals zu stillen. Man kann sich das wie einen kleinen Imbiss vorstellen, in dem man natürlich wie überall in Belgien Fritten bekommt, aber auch andere frittierte Kleinigkeiten oder auch z.B. Frikandeln sind hier in einer Art Theke schon bereit gestellt, sodass die Mahlzeit schnell serviert werden kann. Schmecken tut das Zeug schon, aber es ist wirklich wahnsinnig fettig und ölig. Der Geruch von Fritteuse steht hier förmlich im Laden, nicht umsonst warf der Kulturbeauftragte mal den Spruch in den Raum, dass die Belgier selbst Frittieröl frittieren würden, wenn sie könnten. Am Stadion angekommen fanden wir auch direkt einen kostenlosen Parkplatz im Wohngebiet und irrten ein wenig umher, bis wir unseren Eingang gefunden haben. Schnell noch ein kühles Blondes geholt und ab auf die Tribüne, wo wir erstmal dumm aus der Wäsche geguckt haben. Der Gästeblock nahezu leer und auf der Heimseite tummelte sich zwar schon ein aktiver Kern, jedoch war zum Anpfiff kein Alarm im Block. Ein Spruchband bei Saint-Gilloise mit den Worten übersetzt "Ist das der Fußball, den ihr haben wollt" deutete dann darauf hin, dass boykottiert wird. Schöner Mist, da haben wir ordentlich geflucht. Da reist man extra für einen Spieltag nach Belgien und kann keine Stimmung erleben? Das darf doch nicht wahr sein. Ich sagte nur, dass der Boykott ja vielleicht lediglich bis zur 12. Minute andauert, so wie zuletzt bei uns in Deutschland. Der stille Teilhaber lachte nur dreckig und meinte, dass das doch keine internationale Einheitszeit für einen Boykott im Fußball sei. Doch tatsächlich folgte der Umschwung zur exakt 12. Minute, im Heimbereich gingen passend zum beginnenden Support Konfettischlangen in die Luft und der Gästeblock flaggte an und füllte sich nochmal um einige Anhänger mehr. Perfekt, also doch keine 90 Minuten Stille, der Tag war gerettet. Warum genau protestiert wurde, konnten wir allerdings nicht herausfinden. Der aktuelle Tabellenführer aus der Hauptstadt erzielte in der 17. Minute den ersten Treffer, was zu dem Zeitpunkt auch bereits hochverdient war. Brügge steht weit unten in der Tabelle, weshalb wir nicht mit einem anderen Spielverlauf gerechnet hatten. Doch tatsächlich konnten sie kurz vor der Halbzeit per Elfmeter ausgleichen, wodurch das Heimpublikum nochmal Hoffnung schöpfte. Der stille Teilhaber tat es zudem den meisten Anhängern auf der Tribüne gleich und holte sich eine 1,5 Liter Karaffe mit Bier, da in einem normalen Becher lediglich 0,25 Liter Platz fanden. Wer sich das ausgedacht hat... Die Sonne verabschiedete sich langsam und mit ihr auch unsere letzten Hoffnungen auf warme Füße, angenehme Temperaturen zum Fußball gucken sehen anders aus. Optisch und akkustisch war in der zweiten Hälfte seitens der Kurven nicht mehr viel für uns geboten, auf dem Rasen ging es dafür heiß her. Cercle drängte sogar ordentlich auf die Führung, es gab nochmal auf beiden Seiten eine rote Karte und die Partie entwickelte sich sportlich nochmal zu einem richtigen Kampf, doch am Ende blieb es beim Unentschieden. Somit konnten wir das erste Spiel zufrieden abschließen und uns auf den Weg nach Brüssel machen, wo bereits am Abend unser zweiter Kick bevorstand.
(Der Jungspund)
Atomium, Brüssel
Zentrum von Brügge